9. Bayerische Nachhaltigkeitstagung
„Dranbleiben! Mit positiver Kommunikation und wirksamen Instrumenten“

Bayreuth

Eine Dokumentation

Unter dem Motto „Dranbleiben!“ fand in Bayreuth die 9. Bayerische Nachhaltigkeitstagung statt. 120 Teilnehmende aus ganz Bayern und darüber hinaus kamen zusammen, um Herausforderungen, psychologische Mechanismen und konkrete kommunale Lösungsansätze im Bereich Nachhaltigkeit zu diskutieren. Die Veranstaltung knüpfte unmittelbar an die dritte oberfränkische Klimakonferenz RegioCOP an.

Nachfolgenden finden Sie die zentralen Erkenntnisse aus den Fachbeiträgen, Diskussionen und Workshops sowie einen umfassenden Überblick über die Veranstaltung – inklusive einiger Impressionen von der Tagung.

Warum sich Dranbleiben lohnt

„Wir bleiben dran.“ Unter diesem Motto kamen am Donnerstag, den 20. November 2025 im Evangelischen Zentrum in der Richard-Wagner-Straße in Bayreuth rund 120 Teilnehmende aus ganz Bayern und darüber hinaus zusammen. Ziel war es, sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und neue fachliche Impulse für die nachhaltige Entwicklung vor Ort mitzunehmen. Die Veranstaltung knüpfte damit direkt an die dritte oberfränkische Klimakonferenz RegioCOP an.

Nachhaltigkeit kommunizieren – Begrüßung durch Julia Stanger und Silke Timm

Zum Auftakt begrüßten Julia Stanger und Silke Timm vom Zentrum für nachhaltige Kommunalentwicklung in Bayern die Anwesenden. Beide stellten die Frage in den Raum, wie Nachhaltigkeit heute kommuniziert wird und welche Instrumente es braucht, um wirksame Impulse in Politik und Gesellschaft zu senden. Sie betonten die Rolle des Vorbereitungskreises, der die Tagung inhaltlich trägt und kontinuierlich an der Weiterentwicklung der Themen arbeitet. Die Moderation der 9. Nachhaltigkeitstagung übernahm Astrid Köppel von resonanzOrganisationen in Wunsiedel. Sie führte die Teilnehmenden souverän durch den Tag und verband die Diskussionen immer wieder miteinander.

Wie Sprache wirkt – Einstimmung mit Poetry-Slammer Michael Jakob

Für eine wirkungsvolle Einstimmung sorgte Poetry-Slammer Michael Jakob, der mit einem kleinen Experiment zeigte, wie stark Sprache unser Denken prägt: Die Teilnehmenden schlossen die Augen und stellten sich eine alltägliche Szene vor, von der angenehm warmen Dusche bis hin zum schmerzhaften Zehenstoß. Seine Botschaft: Das Gehirn unterscheidet kaum zwischen Vorstellung und Realität. Jakob nutzte dies, um auf populistische Mechanismen hinzuweisen: „Populismus liefert einfache Antworten für empfundenen Schmerz.“ Umso wichtiger seien positive Narrative. Es brauche mindestens vier gute Botschaften, um eine negative auszugleichen. Nachhaltigkeitskommunikation rede oft über Verzicht, dabei gebe es ebenso Geschichten des Gewinns, etwa ein Spaziergang im Wald statt einer Kreuzfahrtreise. „Verzicht kann auch Gewinn sein“, so Jakob.

Nachhaltigkeit im Gespräch – Eröffnungsrunde

In der Eröffnungsrunde betonte Bayreuths Oberbürgermeister Thomas Ebersberger, dass „Umweltschutz und Nachhaltigkeit nach wie vor absolute Top-Themen“ seien und sich gut mit ökonomischen Interessen verbinden ließen. Prof. Dr. Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Universität Bayreuth und Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, blickte auf die Entwicklung der RegioCOP zurück: Aus einem „Versuchsballon“ 2023 sei inzwischen ein Format geworden, das Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammenbringe und eine wachsende Umsetzungsdynamik erzeuge. Silke Timm informierte über die diesjährige Jahrestagung des Rates für nachhaltige Entwicklung “Was trägt? Nachhaltigkeit weiterdenken” und  hob die dort erörterten Trends hervor: den Einsatz für europäische Zusammenarbeit, den Druck, schneller zu werden und „aus der Blase heraus“ zu wirken, sowie die Bedeutung lokaler und regionaler Kooperationen wie etwa im Verein Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien, kurz RENN. Ihr Appell: mehr Schulterschluss und Vertrauen.

„Anti-Nachhaltigkeits-Renitenz: so what?“ – Keynote von Carel Mohn

In seiner Keynote spannte der Berliner Journalist und Politikwissenschaftler Carel Mohn den Bogen von der aufgeheizten Klimadebatte zu den Chancen einer wertbasierten Kommunikation. Klima- und Umweltschutz stünden derzeit unter Druck: Eine „Gegenwelle“ aus Protest, politischer Rhetorik und abgeschwächten Umweltauflagen erschwere Fortschritte. Widerstände ließen sich nur verstehen, wenn man die psychologischen Grundbedürfnisse der Menschen einbezieht: Bindung, Autonomie, Selbstwert und Sicherheit. Hinzu komme die pluralistische Ignoranz: 78 Prozent glauben, selbst genug zu tun, aber nur 39 Prozent trauen dies ihren Mitmenschen zu, ein Hindernis für politische Akzeptanz. Mohn widersprach der Vorstellung, Klimaschutz schade der Wirtschaft: Europäische Unternehmen orientierten sich zunehmend an Klimazielen, viele Staaten befänden sich mitten in der Transformation, und selbst China steuere auf eine „all-electric economy“ zu. An Hannah Ritchie angelehnt betonte er: „Die Welt ist schrecklich – und besser als wir denken – und sie kann noch besser werden.“ Entscheidend sei das „magische Viereck der Akzeptanz“: Klimamaßnahmen müssten wirksam sein, als wirksam wahrgenommen werden, sozial fair und im Idealfall persönlich nützlich sein. Er verwies auf ermutigende Trends wie sinkenden Fleischkonsum und stagnierenden Autoverkehr und schloss mit einem Appell für klare, positive Narrative und die Erinnerung an das, „was uns heilig ist“.

Impulse aus der Praxis: Kommunale Nachhaltigkeit im Fishbowl-Dialog

In der anschließenden Fishbowl-Diskussion wurde sichtbar, wie vielfältig kommunale Nachhaltigkeit sein kann. Der freie Stuhl brachte inspirierende und alltagsnahe Impulse hervor, etwa den Hinweis, dass Städte „Orte zum Ausatmen“ brauchen und sogar schönere öffentliche Toiletten zur Lebensqualität beitragen können. Zugleich wurden erfolgreiche Praxisbeispiele vorgestellt: Die Stadt Fürth, bundesweit als Hauptstadt des Fairen Handels ausgezeichnet, zeige eindrucksvoll, wie viel möglich ist, wenn die Teamstärke stimmt. „Bei uns in Fürth läuft viel gut. Wenn Kapazitäten da sind, kann auch etwas abgearbeitet werden“, erklärte Philipp Abel, Leiter des Fürther Nachhaltigkeitsbüros. Aus der Wissenschaft ergänzte Lena Roth von GreenCampus, dem Nachhaltigkeitsbüro der Universität Bayreuth, dass Dranbleiben auch bedeute, rechtzeitig Pausen einzulegen, um langfristig handlungsfähig zu bleiben. Jürgen Hennemann, Bürgermeister von Ebern, warb schließlich dafür, vorhandene Strukturen konsequenter zu nutzen. Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) seiner Kommune sei bereits eng an den Zielen der Agenda 2030 ausgerichtet. Sein prägnantes Fazit: „Wir haben nicht genug Geld, um nicht nachhaltig zu sein.“

„Für die Welt von morgen“ - Poetic Replay des Vormittags

In seinem Poetic Replay zeichnete Michael Jakob die Stimmung des Vormittags nach: Austausch, Synergien und gemeinsames Lernen prägen einen feuchtgrauen Novembermorgen voller Impulse, von Fishbowl bis Zukunftsmarkt. Jakob spiegelte zugleich die gesellschaftliche Gegenwelle zum Klimaschutz, den schärfer werdenden Diskurs. Ironisch scheine es, dass Menschen aktuell nicht den Klimawandel, sondern den Klimaschutz als Bedrohung empfinden. Sein Appell mündete in einem zentralen Vers, der den Kern des Tages auf den Punkt brachte und erinnerte daran, dass es Menschen braucht, die vorangehen, vernetzen und Nachhaltigkeit als Grundlage begreifen:

"Politik muss handeln, statt nur zu labern, zu gaffen,
Hier muss gestellt werden endlich die Weiche!
Es gilt gemeinschaftliche Güter zu schaffen!
Denn Nachhaltigkeit hat Einfluss auf alle Bereiche.
Sie ist Pflichtaufgabe hat für's Dasein vorzusorgen
Es darf an Wissen und Breitenwirkung nicht fehlen
Soziale Priorität hin oder her, für die Welt von morgen
Dürfen Kommunen sich nicht aus Verantwortung stehlen."
- Michael Jakob, 20.11.2025 -

Zukunftsmarkt: Informeller Austausch, Inspiration und Vernetzung

Ein fester Bestandteil der Tagung war der Zukunftsmarkt, eine kleine Ausstellung mit Informationsständen, die die Teilnehmenden in den Pausen erkunden konnten. Dort boten verschiedene Einrichtungen Einblicke in ihre Arbeit und luden zum Austausch ein. Vertreten waren:

Der Zukunftsmarkt bot damit eine vielseitige Plattform, um Projekte kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und neue Impulse mitzunehmen. Darüber hinaus präsentierte eine Bilderausstellung mit dem Titel „Held:innen des Fairen Handels“ engagierte Menschen aus der Metropolregion Nürnberg – aus Schulen und Hochschulen, aus Kommunen und Unternehmen, die mit gutem Beispiel vorangehen und sich für fairen Handel starkmachen.

Offene Räume für neue Ideen: Die Open Space Sessions

Nach der gemeinsamen Themenfindung am Vormittag starteten am Nachmittag die Open Space Sessions, zu denen die Teilnehmenden sich in verschiedene Gruppen verteilten. Die Vielfalt der Sessions spiegelte die Breite kommunaler Nachhaltigkeit wider:

Von Landnutzung bis Kommunikation: Workshops für die kommunale Praxis

Am Nachmittag bot ein breites Workshop-Programm den Teilnehmenden die Möglichkeit, zentrale Nachhaltigkeitsthemen zu vertiefen und praxisnahe Werkzeuge kennenzulernen.

Workshop 1: Integrative Landnutzung – ganzheitlich gedacht

Landnutzung ist eine der wichtigsten Herausforderungen im Rahmen des Klimaschutzes. Denn sowohl Energie-, Wasser- und Nahrungsversorgung bringen Anforderungen an Flächen, die mit Biodiversität, CO2- und Wasserspeicherung vereinbart werden müssen. Diese Themen wurden auch auf der RegioCOP 2025 diskutiert. Die Ergebnisse aus den Teilkonferenzen Fläche, Wasser und Ernährung/Landwirtschaft zeigen, welche Handlungsmöglichkeiten für  Politik- und Verwaltungskateure gegeben sind.

Mitwirkende: Barbara Cunningham (Klima und Energie-Allianz Forchheim), Manfred Miosga (Universität Bayreuth/ forum1.5), Maria-Clara Hoh (Ernährungsrat Oberfranken)
Workshoppatenschaft: forum1.5

Workshop 2: Instrumente für die Verankerung nachhaltiger Beschaffung

Wie erreichen wir, dass alle Beschaffungen einer Verwaltung nach Nachhaltigkeitsgrundsätzen ausgerichtet sind? Im Workshop stellen wir Ihnen fünf strategische Instrumente vor, die Sie auf dem Weg zu einer strukturellen Verankerung anwenden können. An Thementischen erarbeiten Sie eigene Ansätze zur Implementierung – und erhalten Tipps für die Umsetzung. Betrachtet werden die Aspekte strategische Planung, Einbindung von Politik und Verwaltungsspitze, Sensibilisierung, Wissensmanagement und Monitoring.

Mitwirkende: Ajit Thamburaj, ressourcenwunder
Workshoppatenschaft: Zentrum für nachhaltige Kommunalentwicklung

Workshop 3: BNK – Standard für kommunale Nachhaltigkeitsberichte?

Immer mehr Kommunen möchten strukturiert über ihre Nachhaltigkeitsarbeit berichten. Neben selbstentworfenen Berichtsformen gibt es eine Vielzahl an standardisierten Berichten. Der Workshop geht der Frage nach, ob der Berichtsrahmen Nachhaltige Kommune (BNK) die Referenzform für Kommunen sein kann und gibt entsprechend des Diskussionsverlaufs eine Empfehlung an Metropolregion und Städtetag ab.

Mitwirkende: Philipp Abel, Nachhaltigkeitsbüro der Stadt Fürth, Norbert Stamm, Nachhaltigkeitsbüro Stadt Augsburg
Workshoppatenschaft: Metropolregion Nürnberg - AG Nachhaltigkeit berichten

Workshop 4: Bildung für nachhaltige Entwicklung durch den Whole Institution Approach an Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche in der Kommune verankern

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) hilft Menschen, Ideen für ein gutes Leben in einer friedlichen, gesunden Welt zu entwickeln und ist ein wichtiger Schlüssel für eine nachhaltige und gerechte Zukunft. BNE lebt von vielfältigen Methoden und braucht Lernorte in der Kommune, an denen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Nachhaltigkeit praktisch erleben und mitgestalten können. Im Workshop lernen die Teilnehmenden den Whole Institution Approach (WIA) als Methode kennen, um soziale und ökologische Aspekte der BNE an der gesamten Bildungseinrichtung zu verankern, und erfahren am Beispiel der Beratungsstelle zum WIA in München, welche kommunalen Strukturen und Netzwerke den Einrichtungen helfen, den ganzheitlichen Ansatz umzusetzen.

Mitwirkende: Dr. Nicole Wendler, Ökoprojekt MobilSpiel e.V. München & Marion Loewenfeld, ANU Bayern e.V.
Workshoppatenschaft: ANU Bayern e.V.

Workshop 5: Wie wir Verhalten (sanft) verändern – Nudges & Boosts in der kommunalen Praxis

Wie können wir Menschen zu nachhaltigerem Verhalten bewegen – ohne zu belehren oder zu zwingen? Dieser interaktive Workshop zeigt, wie „Nudging“ (sanftes Anstoßen) und „Boosting“ (Kompetenzförderung) auf kommunaler Ebene genutzt werden können – insbesondere im Bereich Ernährung, aber auch darüber hinaus. Anhand praxisnaher Beispiele und Mini-Gruppenarbeit entwickeln wir erste eigene Ideen. Ziel: Mit kleinen, psychologisch fundierten Maßnahmen große Wirkung erzielen – in der Kommune, für mehr Nachhaltigkeit.

Mitwirkende: Anika Dickel, Stefanie Rutz, Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn)
Workshoppatenschaft: Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn)

Workshop 6: Stell dir vor du hast zwei Gläser! Oder: Positive Botschaften kommunizieren

Statt sich über halbvolle oder halbleere Gläser auszutauschen, setzen wir in diesem Kurs eins drauf! Wir stellen uns vor, dass wir zwei Gläser haben! Mit Übungen aus dem Improvisationstheater und Methoden aus dem Poetry Slam zeigt Michael Jakob, wie wir schöne Utopien spinnen, die Wörter „müssen“ und „aber“ verlernen und Worte wählen, die positive Vorstellungen hervorrufen. Im Idealfall wecken wir damit beim Gegenüber eine intrinsische Motivation und überlassen ihm die Hauptarbeit beim Widerlegen seiner Argumente.

Mitwirkende: Michael Jakob, Show-Moderator, Keynotespeaker und Poetry Slammer

Ein gemeinsamer Tag, der nachwirkt

Am Ende wurde in der Abschlussrunde spürbar, wie sehr der Tag die Menschen bewegt hatte. Viele Teilnehmende bedankten sich für die sorgfältige Organisation, die inspirierenden Inhalte und den offenen Raum für Austausch. Zahlreiche Rückmeldungen machten deutlich, dass die Tagung nicht nur informiert, sondern auch ermutigt hat: Besonders die Keynote von Carel Mohn und die vielfältigen Austauschformate, vom Fishbowl bis zum Open Space, wurden als besonders bereichernd erlebt.

Einige Stimmen aus der Evaluation fassten die 9. Nachhaltigkeitstagung treffend zusammen:

„Eine gelungene Veranstaltung, bei der das hohe Engagement der Teilnehmer zu einer besonderen Atmosphäre beigetragen hat. Wir brauchen mehr solcher inspirierender Momente.“
„Da möchte ich nächstes Jahr wieder dabei sein.“
„Dranbleiben. Es lohnt sich.“

Viele nahmen neue Impulse, Kontakte und Zuversicht mit. Nachhaltige Entwicklung vor Ort gelingt dort, wo Menschen zusammenkommen, sich vernetzen und gemeinsam weiterdenken. So endete die Tagung mit einem Gefühl der Verbundenheit und mit der Motivation, den eingeschlagenen Weg engagiert weiterzugehen.

Veranstalterinnen der Bayerischen Nachhaltigkeitstagung

Logo des Zentrums für nachhaltige Kommunalentwicklung in Bayern

Moderation der 9. Bayerischen Nachhaltigkeitstagung 2025: Astrid Köppel | resonanzOrganisationen

Fotos: Sven Stolzenwald für den LBE Bayern e.V. & das Zentrum für nachhaltige Kommunalentwicklung in Bayern

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